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Berufliche Veränderung

Unzufriedenheit im aktuellen Job, Wiedereinstieg nach der Elternzeit oder längere Arbeitslosigkeit – es gibt viele Gründe, sich beruflich neu zu orientieren. Für den WILA Arbeitsmarkt hat Annika Voßen mit der WILA-Bildungszentrum-Dozentin Janine Kleidorfer über das beste Vorgehen bei einem geplanten Jobwechsel gesprochen.

WILA Arbeitsmarkt: Welche Fragen sollte man sich auf jeden Fall stellen, wenn man unglücklich im Beruf ist?

Janine Kleidorfer: Aus meiner Sicht ist eine der wichtigsten Fragen: Warum bin ich unzufrieden im Beruf? Liegt es an den Aufgaben? An den Rahmenbedingungen? Am Wunsch nach mehr Sinnhaftigkeit? Oder ist es bloß eine Laune, weil ich mich über den Chef oder die Kollegen geärgert habe?

Ich stelle häufig fest, dass zu schnell gesagt wird: Ich brauche etwas komplett Neues! Dabei wird vergessen, dass man auch das Umfeld ändern kann, wenn man sich beruflich neu orientieren will. Habe ich zum Beispiel alle Möglichkeiten in meiner aktuellen Position schon ausgeschöpft? Habe ich mit dem Geschäftsführer über neue Aufgaben gesprochen? Man kann auch eine Kompensation im privaten Umfeld suchen, wenn man zum Beispiel kreativer arbeiten möchte und im Beruf keine Gelegenheit dafür hat.

Was sind Ihrer Erfahrung nach die häufigsten Gründe für Unzufriedenheit im Beruf?

Es gibt zwei unterschiedliche Beweggründe: Die berufliche Notwendigkeit und die Sinnhaftigkeit. Häufiges Thema ist zum Beispiel, dass es innerhalb einer Organisation keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr gibt. Da sind dann Leute mit Master-Abschluss auf Stellen mit Sachbearbeiter-Level. Oder es fehlen die beruflichen Perspektiven, weil der befristete Vertrag ausläuft. Zum anderen gibt es die Menschen, die die Sinnhaftigkeit in ihrem Beruf vermissen, die denken: Eigentlich passt diese Arbeit nicht zu mir, sie erfüllt mich nicht.

Wie kann ich meine persönlichen Stärken herausfinden?

Vielen fällt es schwer, die eigenen Stärken zu sehen und auch zu präsentieren. Es geht zunächst um die eigene Wahrnehmung: Was mache ich gerne? Was hat mich schon in Kindheit und Jugend begeistert? Was mache ich beruflich und auch privat aus eigener Motivation? Zum anderen sollte man überlegen, was die anderen über mich sagen. Was bekomme ich von Kollegen oder Vorgesetzen zurückgemeldet? Mit welchen Themen kommen Familienmitglieder zu mir – bin ich der Ratgeber für Finanzfragen oder kommen sie zu mir, weil sie ein Fest organisieren wollen? Es gibt aber wiederum auch Leute, die kennen ihre Stärken genau und bringen ganz viele Interessen mit – können sich aber nicht festlegen. Die suchen Orientierung, um zu verstehen, worauf sie ihren Fokus legen können.

Was ist der nächste Schritt?

Ich erlebe sehr häufig, dass viele genau beschreiben können, was sie nicht mehr wollen – aber Schwierigkeiten haben zu benennen, womit sie zufrieden wären. Sie haben noch kein neues Ziel definiert. Ich sollte also überlegen, was mir wichtig ist: Was sind meine Wünsche und meine Sehnsüchte – zunächst unabhängig von äußeren Bedingungen wie Zeit oder Geld, dann mit realistischem Blick auf den Arbeitsmarkt. Welche Anforderungen stellen Unternehmen beispielsweise, wie kann ich mein Profil entsprechend anpassen? Es geht hier um einzelne Puzzlesteine, die sich nach und nach zu einem Bild formen.

Sind viele Ihrer Klientinnen oder Kursteilnehmer im falschen Beruf?

Das nehme ich eher nicht so wahr. Viele wissen einfach nicht, dass sie auch ihr Umfeld ändern können. Sie haben sich nie Gedanken darüber gemacht, ob sie gerne in einem großen Team arbeiten, in einem Konzern, in einem Familienunternehmen, welche Aufgaben genau ihnen Energie geben, ob die eigenen Werte zum Beispiel auch vom Arbeitgeber vertreten werden. Man sollte sich fragen: Was darf und soll bleiben, was gilt es zu verändern?

Was halten Sie von einem radikalen Schnitt, der völligen Neuorientierung?

Das sollte man sich sehr gut überlegen. Je nach Branche ist es schwer, überhaupt wieder in den alten Bereich zurückzukehren. Man sollte sich auf jeden Fall auch die Konsequenzen eines solchen Schritts bewusst machen. Welche Dinge bin ich bereit in Kauf zu nehmen? Beruf- und Privatleben lassen sich nicht trennen, der Beruf – auch die Unzufriedenheit damit – hat immer Auswirkungen auf das Privatleben. Wer einen Job in einer anderen Stadt annehmen will, sollte überlegen, was das für die Beziehung, für die Familie bedeutet. Wer sich selbstständig machen möchte, sollte es langsam angehen, vielleicht erst einmal seine Arbeitszeit reduzieren und beides parallel machen.

Generell erlebe ich immer wieder, dass Menschen eine sehr hohe Erwartungshaltung an sich selbst haben. Eine Veränderung lässt sich aber nicht von heute auf morgen bewerkstelligen, es ist ein längerer Prozess, bei dem es auch immer wieder Rückschläge gibt. Auch ein zweitägiges Seminar ist nur ein Anfang. Es ist ein erster Schritt auf der Suche nach Antworten und dem Weg zu mehr Klarheit. Man muss sich in Ruhe sehr genau mit der eigenen Person und der Frage „Was will ich?“ beschäftigen.

 

Janine Kleidorfer

Janine Kleidorfer

 

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